Fiction: Die schwarze Witwe

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Dicht an sich gehalten, bis zur Lähmung, bis sich keiner mehr regen konnte

Sie wusste sie an der Hand zu haben. Wusste die Zügel zu halten, den richtigen Schachzug auszuspielen. Das konnte sie schon immer. Sie hatte das Spinnennetz immer weiter gesponnen, hatte ihre Beute stets eng und dicht an sich gehalten, bis zur Lähmung, bis sich keiner mehr regen konnte.

Sie spielte, der Lustes und des Leides wegen

So machte sie es auch mit Marco. Aber Marco war nur einer von vielen. Stets fand er Ausreden, taumelte im Nebel, betäubte die Wahrheit und übertünchte seine Orientierungslosigkeit bis zur Ohnmacht. Aber nach einer Weile langweilte er sie. Er war längst zu durchschaubar gewesen, zu einfach. Sie spielte nicht nur, um zu gewinnen. Sie spielte, der Lustes und des Leides wegen. Jedoch verlor das Spiel an Reiz, denn sie hatte die Partie schon längst gewonnen. Wonach sie suchte, war Herausforderung, ein stärkerer Gegner. Sie traf ihn eines Tages an der Straßenkreuzung, er lehnte lässig an der Litfaßsäule. Er war groß gewachsen und dunkelhaarig. Und während sie wie gewohnt ihren Charme spielen ließ, erwiderte er nur mit einem leichten Lächeln. Vermutlich war er schüchtern. Vielleicht verlegen. Sie fand Gefallen. Ein wenig Zeit müsse er ihr geben, dann würde sie sich in ihn nagen, ihn Faden für Faden umwickeln und ihn mit der Zeit zur Ohnmacht bringen.

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Samt Leichnam lagen sie alle nun im Netz gefangen

Er drehte langsam an seiner Zigarette. Mit einer Ruhe, die sie für einen Moment ganz inne halten lässt. Sein Blick weicht nicht davon. Ihr Blick weicht nicht von seinen Fingern. Sie waren recht dürr und blass. Sie wartet. Wartet, darauf, dass noch etwas passiert. Darauf, dass er anbeißt. „Hast du Feuer?“ fragt er. Hastig kramt sie in ihrer Tasche. Nach einem kurzen Moment zögert er: „Schon okay. Vielleicht ein ander´ Mal.“ Und während die Ampel auf Grün schaltet, war er schon hinter der nächsten Kreuzung verschwunden. Sie blickt ihm nach. Stunden später war sie in der selben Straße vorzufinden. An der selben Ampel. Auch Tage später. Mit jedem Mal hoffte sie darauf zurück zu antworten zu können. Mit der Verunsicherung überkam sie auch die Wut. Und je mehr Zeit verging stürzte sie sich immer mehr auf ihre Opfer.

Langsam verloren Bäume ihre Farbe und bedeckten sich in tristem Grau

Sie fiel sie an, ergötzte sich genüsslicher dran, verschlang sie bis ins Ganze, bis sie sie dieses Mal zum Zerfall brachte. Samt Leichnam lagen sie alle nun im Netz gefangen. Kaum mehr was Wert, selbst einen Anblick. Langsam verloren Bäume ihre Farbe und bedeckten sich in tristem Grau. Eines Tage begegneten sich unerwartet am Bahngleis wieder. „Du wolltest doch Feuer oder?“ Sie schaute wieder zu den Fingern. Lange hatte sie nicht zu Gesicht bekommen. „Bitte?“ Beklommen zog sie das Feuerzeug zu sich. Sie schaut auf die Uhr und dreht sich zur anderen Seite. „Verzeihung, ich wollte dich nicht..“ „Ich wusste gar nicht, dass du rauchst.“ Lächelte er. Sie lächelt zurück.

M.

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