Fiction: Endstation

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Sie mochte den Geruch vom Zug, besonders den, der alten Polstersitze. Es machte ihr auch nichts aus, dass das gemusterte Leder verraucht und nach schlechtem Essen und Alkohol roch. Mittlerweile bemerkte sie den Geruch nicht mehr. Sie mochte das Schaukeln und das Gefühl kurz vor dem Losfahren.

Mittlerweile hatte er sich an den Geschmack gewöhnt. Auch an den bitteren Nachgeschmack nach Stunden

Wenn der Zug anfuhr, hatte sie das Gefühl, als würde sie getragen werden. Sie stellte sich dabei immer starke Männerhände vor, die sie anhoben. Sie mochte das Gefühl aufgefangen zu werden. Sie öffnete dabei immer ihre Arme und sank langsam in den Sitz ein. Anfangs fiel sie ihm nicht auf. Nur eine alte Frau, die schon recht früh am Bahnsteig wartete. Vielleicht war sie eine Frühaufsteherin gewesen, vielleicht besuchte sie wen… Und wenn schon. Vielmehr interessierte ihn, wie er diese unerträgliche Müdigkeit loswerden würde. Die Schicht hatte gerade erst begonnen und der Tag würde noch so elend lang und mühsam werden. Um diese Zeit schlief die Stadt noch tief und fest, nur schleppend wurde sie wach. Es ist, als würde sie sich demonstrativ noch ein mal mehr umdrehen und sich die Decke zuziehen. Sie würde alle Störgeräusche ignorieren, alle…

Mit der Zeit waren nur noch unklare, undeutliche Sillhouetten zu erkennen

 

Sie wäre ganz reglos. Beim Aufstehen würde sie sich extra viel Zeit dabei lassen. Oft kam es ihm vor, als würde die Stadt ihn damit provozieren oder gar necken wollen. Unausstehlich diese Stille, dachte er sich. So sehr er wollte, er konnte sich nicht mit ihr anfreunden. Wie jeden Morgen um kurz vor Vier trank er noch den letzten Schluck seines billigen Filterkaffees und schaltete die Zündung an. Mittlerweile hatte er sich an den Geschmack gewöhnt. Auch an den bitteren Nachgeschmack nach Stunden. Nach einem Seufzen fuhr er los. Felder streiften an ihm vorbei, Häuser und Straßen. Mit der Zeit waren nur noch unklare, undeutliche Sillhouetten zu erkennen. Genau wie das lautstarke Radio, das er meistens überhörte. Es war immer der selbe Kanal, immer 96,9 FM. Meistens spielten sie ein und das selbe. Ein Dauerrauschen aus Werbung, Popsongs und Staumeldungen. Das erste Mal sah er sie an einem kalten Novembertag, als er gerade in die Endstation einfuhr. Der Zug leerte sich und so machte er noch einen letzten Kontrollgang. Die alte Frau lehnte am Fenster und schlief. “Entschuldigung, Sie müssen hier aussteigen. Hier ist Endstation!” Doch sie regte sich nicht. “Hallo, hallo?”

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Vorsichtig stupste er sie an. Sie zuckte zusammen.
“Guten Abend.” räusperte sie sich. “Sie haben mir einen Schrecken eingejagt.”
“Das tut mir Leid, hier ist Endstation.” Wiederholte er. Sie schaute verwirrt um sich.
“Wo sind wir?”
“In Wedding.”
“Wedding?”
“Ja in Berlin-Wedding. Und Sie müssen hier jetzt aussteigen, wie gesagt. Das ist üblich bei Endstationen…” Er wurde immer ungeduldiger. Er hatte keinerlei Interesse auf derartige Diskussionen. “Warum?”
“Ich werd Ihnen jetzt nicht erklären wie der Lauf der Dinge funktioniert, junge Frau. Wollen Sie jetzt bitte aussteigen?”
“Nein warum ist das die Endstation?”
“Meine Güte! Weil alles einen Anfang und ein Ende hat. Ich habe heute früh meine Arbeit abgeleistet, sie jetzt zu Ende gebracht. Das bedeutet ich kann nach Hause und meinen Feierabend genießen, der auch bald ein Ende hat wenn Sie mich hier weiter aufhalten.”

“Ich werde mir nicht vorschreiben lassen wo die Endstation ist..”

Sie lehnte sich wieder ans Fenster und schloss die Augen. Ihre Lider zitterten leicht dabei. Sie fror ein wenig. Langsam griff nach ihrem Mantel und deckte sich ihre Schulter zu. “Hören Sie überhaupt mir zu?”
“Lauschen Sie mal.” Flüsterte sie.
“Ich werde die Wachen oder die Polizei rufen müssen, die Sie gewaltsam hier rausbringen werden.” Nervös lief er hin und her. “Wollen Sie das etwa?”
“Hören Sie das?”
“Okay ich werde die jetzt die Wachen anrufen.” Fest entschlossen ging er zurück in die Kabine.
“Sie können es nicht hören?” Fragte sie seelenruhig.
“Wissen Sie was Sie gleich hören werden? Das Geschrei der Wache, wenn Sie den Zug nicht verlassen.”
“Haben Sie es jemals?” Fuhr sie fort. Ihre Stimme klang ruhig und kontrolliert.
Währenddessen kramte der Fahrer eilig in seiner Jackentasche um nach seinem Handy zu suchen: “Gleich hab ich die Nummer…”

“Sie können so viel anrufen wie Sie wollen, ich werde mir nicht vorschreiben lassen wo die Endstation ist.. Erst Recht nicht von Ihnen.”
“Was heißt denn bitte von Ihnen?” Lachte er ironisch.
“Kann ich nicht hier bleiben?”

“Das geht nicht, nein. Die nächste Schicht fängt erst in fünf Stunden an.”
“Ich warte.”
“Ja aber nicht hier drin, verdammt!” Er musste sich wirklich Mühe geben, um die Beherrschung nicht zu verlieren. Diese Frau war das Letzte was er gerade gebrauchen konnte nach einem harten Arbeitstag. Sie kostete ihm wertvolle Zeit seines Feierabends, auf den er sich schon den ganzen Tag freute.
Sie ließ sich nicht irritieren. “Fährt der nächste Zug wieder von hier ab?”
“Ja aber erst in fünf Stunden.”
Sie richtete sich auf, zog sich ihren Mantel über und schloss nach und nach die Knöpfe. Sie machte das mit solch einer Ruhe, das der Fahrer für einen kurzen Moment erstarrte und ihr dabei zusah.
Für Anfang 70 war sie noch eine recht schöne Frau gewesen. Sie hatte grelle blaue Augen und schulterlange graue Haare, die ihr faltiges Gesicht zierten. Ihr brauner Mantel war elegant nur die Farbe war schon leicht verwaschen. Vermutlich war es das Einzige, was sie noch an eleganter Kleidung besaß.
“Dann haben Sie noch einen schönen Abend.” Sie stand auf und ging langsam zur Tür raus.

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“Jetzt doch oder wie?” Die nächsten Tage sah er sie regelmäßig am Bahnsteig warten. Sie war die Erste die einstieg, die Erste die ihn am Morgen begrüßte. Sie stieg ein, ging ins hintere Abteil
und lehnte sie sich dann ans Fenster. Und obwohl der Zug immer voller und hektischer wurde, schien ihr das nichts auszumachen. Der Fahrer belächelte sie. Meistens grüßte er nicht zurück und schüttelte nur ungläubig den Kopf. Er war sich sicher, sie gehörte zu diesen verwirrten Großstadtgestalten an. Wochen vergingen. Kurz vor seinem Schichtwechsel klopfte es noch ein Mal an der Scheibe. Er erkannte die blauen Augen, die zaghaft in die Kabine guckten.

Ihre Haut war gelblich, ihre Haare zerzaust

“Sie schon wieder. Verfolgen sie mich?” Durch die matte Scheibe war sie nur undeutlich zu hören. Als er die Tür öffnete, erschrak er. Sie war kaum wiederzuerkennen. Sie ist deutlich gealtert. Und dünner geworden. Ihre Haut war gelblich, ihre Haare zerzaust. Sie zitterte am ganzen Körper, versuchte sich mit ihrem Mantel zu wärmen. Sie trug blaue Gummistiefel und eine viel zu große Trainingshose, in der sie versank. Sie lächelte. “Haben Sie es schon gehört?”
“Ist Ihnen nicht kalt?” fragte er verwundert.
“Wissen Sie, ich wollte auch immer Lokführerin werden. Muss ein tolles Gefühl sein als Erster auf Berlin zuzufahren oder?
“Hmm.. Ja, wenns nicht so früh wäre…”
“Aber was ist mit dem Sonnenaufgang auf dem Tempelhofer Feld?”
“Wenn ich dauernd nach rechts und links blicken würde, würde ich vermutlich nicht alle heil nach Hause bringen.” Platzte es aus ihm heraus. Sie verweilten eine Zeit lang in der Stille.
“Ich würde gerne einen Tag mal Ihren Zug fahren.”
“Besser nicht. Besser Sie fahren jetzt nach Hause und lassen es mit dem Zugfahren. Sagen Sie wohin fahren Sie eigentlich den ganzen Tag?” Verdutzt sah sie ihn an. Dann brüllte sie los:
“Sie haben damals behauptet es sei die Endstation aber ist es doch nicht wenn es wieder der Anfang ist! Ich konnte weiterfahren genauso wie vorher! Sie sind ein Lügner und ein Heuchler.” Es wurde still im Zug, Blicke kreuzten sich.
“Sind sie von allen guten Geistern verlassen?” Brach es aus ihm heraus.
Mit voller Überzeugung zeigte sie auf den Fahrer und rief: “Dieser Mann behauptet dies sei die Endstation!”
Sie stürmte aus der Tür. Am nächsten Tag konnte er es kaum erwarten sie zu sehen. Was dachte sie sich.. Ihn so einfach bloßzustellen vor allen? Er würde aus der Kabine aussteigen und sie als “altes Klappergestell” beschimpfen. Der ganze Zug würde jubeln und brüllen vor Gelächter. Aber sie stand da nicht. Auch Wochen später nicht. Warum beschäftigte ihn das so sehr? Nach einiger Zeit wurde ihm bewusst, dass er sie wahrscheinlich mehr wiedersehen würde. So gerne hätte er es gewollt. An jenem Tag machte er den Kontrollgang durch den Zug, er setzte sich auf ihren Platz am Ende des Ganges, legte den Kopf an die Fensterscheibe. Er schloss die Augen und nahm das erste Mal die Ruhe des leeren Zuges wahr. Spürte die leichte Kälte der Scheibe, spürte den weichen Sitz an dem er anlehnte. Und dann lauschte er und hörte endlich…

M.

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