Fiction: Oscars Tag Teil I

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Kurzes Vorwort: Ich liebe Oscar Wilde. Und eine zeit lang habe seine gesamte Biografie gelesen, seine Bücher gelesen und ihn als Person schon fast verschlungen. Das ist eine kleine Geschichte zu ihm, aus meiner Perspektive. Ein Monolog aus der Zeit im Gefängnis.

Es war kalt und verlassen im Raum. Liebe hatte hier noch nie geherrscht. Der Raum war einsam, umgeben von Leblosigkeit und Stillstand. Das einzig persönliche, dass dieser Raum besaß, war ein eigener Name: Zelle C33. Zu gut kannte er ihn nun. Jede Staubschicht, die die Ecken füllt, den feuchten Boden, der sich gleichmäßig bedeckt. Und alles widerte ihn an. Besonders aber der alte, abgestandene Geruch, die Lichtlosigkeit und diese erdrückende Stille. Noch nie zuvor hatte er Stille so wahrgenommen wie jetzt. Was vorher Ruhe und Genuss auslöste, war jetzt wie Folter. Fast wie eine langsame Hinrichtung, einnehmend und herrisch. Und anstatt das es aufhört, hatte es gerade mal begonnen.

Er dachte an das Lachen seiner Kinder, er sehnte sich sogar an das Geschrei. Er sehnte sich nach Leben, nach Bewegung. Er wollte endlich wieder atmen. Wollte Schüttelfrost und Hitze spüren, wollte Steine in die Weite eines See werfen und ihnen langsam beim sinken zusehen. Stattdessen war er nun tief am sinken. Arm in Arm mit seinen quälenden Gedanken. Aber mit der Zeit bildete sich ein Moor daraus, der ihn immer weiter in die Tiefe zog. Am Anfang konnte er sie noch fassen, sie waren klar aber noch weniger beängstigend. Meistens waren es Sorgen. Er dachte an den Prozesstag zurück, an die Blicke, während das Urteil ausgesprochen wurde. Dann aber wurden sie immer schwerer und undurchsichtiger, bis sie ihn schließlich übermannten. Aus Sorgen wurden Ängste und Zweifel, bis er die Kontrolle über sie verlor. Darüber was die Leute nun sagen oder denken würden. Darüber, ob er jemals wieder so ein Ansehen hätte. Und dann kam noch diese starke Sehnsucht dazu. Würde die Zeit doch nur schneller vergehen, aber sie tat genau das Gegenteil. Stattdessen zog sie sich über Tage und Monate, zog sich so langsam als würde sie ihn verspotten und ihn beabsichtigt provozieren wollen. Er hatte schon längst das Gefühl für sie verloren, wusste nicht wann Tag und wann Nacht war. Sie wusste es genau ihn zum Wahnsinn zu treiben,

ihm den Boden unter den Füßen zu reißen, den einzigen Halt, der ihm noch blieb. Sie machte ihn ganz orientierungslos und machtlos. Und es gelang ihr ziemlich gut. Er wusste gegen sie anzukämpfen würde keinen Sinn machen, denn er hatte den Kampf schon ohnehin verloren. Sein Blick streift über das Blatt Papier vor ihm. Er hatte die Seite schon fast voll geschrieben, versuchte im Zwielicht sein Geschriebenes zu entziffern. Die Buchstaben waren sehr viel markanter, der Abdruck jedes Einzelnen bildete tiefe Rillen, weil er den Stift mit zittriger Hand zwanghaft umklammerte. Sie hatten ihm Redeverbot verordnet und da er die Sprache zum Leben brauchte, waren Stift und Papier das Einzige was ihm noch blieb. 

„Ich werde sehen…,
beginnt er zu schreiben:
ob ich nicht die bitteren Wasser durch die Intensität der Liebe, die ich für dich hege, süß machen kann. Ich hatte Momente, in denen ich dachte, es wäre klüger, sich zu trennen: Momente der Schwäche und des Wahnsinns! Jetzt sehe ich, dass es mein Leben verstümmelt, meine Kunst ruiniert und die musikalischen Akkorde gebrochen hätte, die eine perfekte Seele ausmachen. Selbst mit Schlamm besudelt würde ich dich preisen, aus den tiefsten Abgründen nach dir rufen. In meiner Einsamkeit wirst Du bei mir sein. Ich bin entschlossen, mich nicht aufzulehnen, sondern jegliche Empörung mit der Hingabe an die Liebe anzunehmen; meinen Körper so lange entehrt werden zu lassen, wie meine Seele nur dein Bild in sich behält. Du perfekt für mich. Vergnügen verbirgt die Liebe vor uns, der Schmerz offenbart sie in ihrem Wesen.“

Er seufzt und legt den Stift zur Seite. Die Sehnsucht plagte ihn immer mehr und langsam wurde es unausstehlich. Ihm blieben lediglich Erinnerungsfetzen. An jene Tage in der Freiheit, die er in dem Moment kaum zu schätzen gewusst hat. Gerne hätte er damals die Zeit angehalten und sie festgehalten. Sie zumindest zu fühlen und zu riechen. Er war sich sicher, er würde es auskosten wie nie zuvor. Aber das schmerzvolle war, er konnte es nicht, denn von Tag zu Tag verblassten immer mehr Details und Erinnerungslücken bildeten sich. Und während er panisch versuchte sich vor dem Verblassen zu retten, konnte er inzwischen Wahrheit und Fiktion nicht mehr voneinander unterscheiden. Und so wurden die wertvollen Erinnerungen zu einem nichtigen Tagtraum, der kaum was wert war. Was noch ein wenig Leben in seinen grauen Alltag brachte waren die Besuche, die er bekam. Als letzteres sah er Constance, seine Frau. Meistens schwiegen sie sich an bis die Besuchszeit zu Ende war. Was hätte er denn sagen sollen? Was blieb denn noch zu sagen?

M.

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