Fiction: Oscars Tag Teil II

jon-eric-marababol-132979-unsplash.jpg

Mit jedem Besuch alterte sie immer mehr, mit jenem Mal verließ sie auch die Schönheit. Ihre Augen waren rot angelaufen und glänzend, wenn sie ihm Gegenüber saß. Er wusste, dass es seinetwegen war und auch das es nicht das Einzige Mal war wo er sie zum weinen gebracht hat. Als er sie damals heiratete liebte er sie, zumindest verspürte er eine Zuneigung ihr gegenüber. Sie war hübsch und warmherzig.

Sie war aus einer Juristenfamilie und hatte Geld. Ihr Großvater hinterließ ein Erbe und das kam ihm sehr gelegen, weil er große Schulden hatte. Er mochte auch das Gefühl vergöttert zu werden und sie tat es. Sie himmelte ihn an und blickte zu ihm auf.

Und mit der Zeit entwickelte er eine Abneigung zu ihr.

Aber dann, dann wurde es nur noch lästig. Hinzu kam noch, dass sie sich ständig in Gespräche mit seinen Freunden einmischte, immer sagte das Falsche und besaß weder Taktgefühl noch einen Sinn für Klugheit. Und je berühmter er wurde, desto schwächer und inadäquater fühlte sich Constance…Und mit der Zeit entwickelte er eine Abneigung zu ihr. Besonders nach der Schwangerschaft, empfand er ihren Körper nur noch als abscheulich und abstoßend. Er verzog sich immer mehr ins Herrenzimmer, wo er opiumgetränkte Zigaretten rauchte und interessierte sich bald immer mehr für Menschen außerhalb seines Zuhauses. Sie lebten sich auseinander und hatten bald schon getrennte Schlafzimmer.

Gott, wie er den Geschmack der Zigaretten doch vermisste.

Aber Constance, Constance neigte dazu Dinge laufen zu lassen und trotz der zwei Kinder führten sie eine sehr unglückliche Ehe. Aber sie war halt zum Vorzeigen da. Er schmunzelt. Gott, wie er den Geschmack der Zigaretten doch vermisste. Er würde gerade alles für eine einzige Zigarette tun. Er würde viel genüsslicher am ersten Zug inhalieren und sich dann langsam in seinen Samtdivan fallen lassen.

Es war der schönste Zug, der stärkste, befreiend. Und nachdem der Rauch sich langsam in der Lunge verteilte, noch mal dran ziehen. Er genoss es in Gesellschaft aber auch alleine. Er streifte mit den Fingern an die weichen Lehne und schloss für einen Moment die Augen, wenn das Opium langsam zu wirken begann.

Als es nachließ schaute er auf die dunkelblaue Decke, die eins mit den goldenen Wänden wurde. Es war ein schönes Arbeitszimmer, ganz oben im Haus gelegen. Im Orient Stil, geschmackvoll eingerichtet. Die Laternen, die Teppiche und das viele Porzellan machten das Zimmer zu einem einzigen Kunstwerk. Kunst war für ihn eine intensivierte Form der Übertreibung. Genauso wie er Ästhetik zu schätzen wusste. Denn das entsprach seinem Wesen, seinem künstlerischem Temperament.

Er war ein Mann mit Stil und Intellekt und die Rolle des Selbstdarstellers gefiel ihm durchaus.


Und er empfand eine Leidenschaft schöne Gegenstände zu besitzen und das galt auch für sein extravagantes Aussehen. Meist trug er extravagante Anzüge mit einem Umhang um die Schulter, die mit edlen Manschettenknöpfen verziert waren, dazu einen Hut und Seidenstrümpfe. Er war ein gern gesehener Gast, mochte es aufzufallen und das auch mit seinem gewitzten Charme und seinem guten Sinn für Humor. Die Gesellschaft der Schönen und Reichen ehrte und bewunderte ihn. Er war ein Mann mit Stil und Intellekt und die Rolle des Selbstdarstellers gefiel ihm durchaus.

Der Brief war fertig, er würde ihn Bosie geben wenn er ihm das nächste Mal sah. Er soll wissen, welche Gier und welches Verlangen er zu ihm empfindet. Nur leider besuchte Bosie ihn viel zu selten. Es war nicht der letzte Brief, den er an ihn schrieb, unzählige Werke widmete er ihm, unzählige Geständnisse. Und Bosie gefiel die Aufmerksamkeit, von so einer Berühmtheit fast schon angebetet zu werden. Er jedoch, er war ein Romantiker, träumte schon immer von der einen großen, leidenschaftlichen Liebe. Und was er in Bosie sah, war Jugend und Schönheit, die ihn faszinierte. Einst sagte er:


Nie zuvor hat er so geliebt und so gelitten.

„Schönheit ist das Wunder aller Wunder, sie haben nur ein paar Jahre, in denen sie wirklich vollständig und vollkommen leben können, wenn ihre Jugend sie verlässt, verlässt sie auch ihre Schönheit.“* Nie zuvor hat er so geliebt und so gelitten. „Du bist alt und hässlich, ich will nur hübsche Männer haben, ich verlasse dich.“

Sagte er immer wieder zu ihm. Immer mehr litt er an Bosies Launen. Immerzu wurde er hysterisch und aggressiv. „Bitte sprich nicht so mit mir, du darfst so nicht mit mir sprechen. Diese Worte ruinieren mein Leben.“ Wiederholte er immerzu. Es war die intimste aber auch die leidenschaftlichste Beziehung, die er jemals hatte. Täglich zwischen Licht und Schatten, Höhenflug und Zerfall. Toxische Ekstase, die ihm die schönsten Stunden bereicherte, aber auch ruinierte und gefangen hielt. Vor allem hier in dieser Enge, inmitten dieser Einsamkeit wurde ihm bewusst wie sehr Bosie ihn eigentlich zerstört hatte.

„Sie schauten sich intensiv an,“ Hatte er mal in einem Werk geschrieben. „dann senkte der junge Mann seinen Blick und kam auf ihn zu. Dichter konnte er nicht an ihn, ohne das ihn ein Schauer überkam. Nie zuvor war er solch Risiken eingegangen, nie zuvor war höchster Genuss mit so viel Leid gepaart.“* 

„Jeder Trieb den wir ersticken möchten, wühlt sich im Geiste fort und vergiftet uns. Der Körper sündigt nur ein mal. Und es bleibt nichts übrig, als die Erinnerung an eine Lust oder der köstliche Schmerz, das es vorbei ist. Der einzige Weg die Versuchung loszuwerden es ihr nachzugeben.“*

Und das tat er, täglich auf dünnem Eis

Und das tat er, täglich auf dünnem Eis, obwohl seine Freunde ihn immer davor warnten aber er neigte immer dazu Dinge zum Abgrund zu bringen, bis ihm sein Leben völlig entglitt. „Führen Sie jegliche Form von sexuellen Praktiken mit Männern aus?“ fragte ihn damals sein Staatsanwalt. „Ich bitte Sie.“ Antwortete er belächelnd. Sodomie, unchristliches Verhalten war der Vorwurf gegen ihn.

Gerne hätte er genau diese Erinnerungen vergessen, sie ersetzt mit anderen, weniger schmerzvollen. Aber nur zu gut erinnert er sich an jeden Beweis, der aufgeführt wurde, an jeden Prostituierten, der gegen ihn aussagte. Zu gut an das zufriedene Gesicht, dass Bosies Vater hatte, als zwei Jahre Zuchthaus gegen ihn ausgesprochen wurde. Er war es, der alles gründlich plante und ihm diese Strafe verhängen wollte.

Zuerst war er dankbar in dieser Zelle festzusitzen, so kriegte er wenigstens nichts von der medialen Aufmerksamkeit mit. Schließlich waren alle auf der Seite des Vaters. Er sei ein „verderblicher Einfluss auf seinen Sohn gewesen.“ Aber auch hier festgesessen in diesem Raum, ist er sich sicher nicht der Einzige zu sein, der diesen Fluch trägt. Er stand auf. Er war geschwächt, hustete sehr viel stärker inzwischen. Sie hatten ihm Zwangsarbeit verordnet.

„Ich darf gehen?“

Es öffnet sich die Tür: „Sachen packen, Sie sind ein freier Mann.“ „Ich darf gehen?“ Er war schläfrig, schleift sich mühsam über die Stahltreppen nach draußen. Zwei Jahre sind vergangen. Zwei Jahre Leid, tagtäglich. Lange hat er von diesem Tag geträumt. Von der allersehnten Freiheit – endlich. Doch als die Türen aufgehen wird er von einer Menschenmasse empfangen, die ihn verspotten und bespucken. Er versucht hindurch zu kommen. Ihm bleibt nichts mehr. Sein Haus wurde zwangsversteigert, seine Frau ist in die Schweiz ausgewandert.

Kaum einer würde nach all dem mehr seine Werke lesen, selbst sein Verleger distanzierte sich von ihm. Hochverschuldet und recht unbeholfen schleift er durch die Straßen. Freiheit hatte er sich anders vorgestellt.
„Hallo.“ Erwiderte er. Das erste Mal sahen sie sich wieder, außerhalb von jeden Besuchszeiten.
„Du siehst nicht gut aus.“ Erwidert Bosie.
„Zwei Jahre Zuchthaus haben es mir nicht angetan, nein.“ Er war gealtert und hatte deutlich an Farbe und Gewicht verloren. Trotzdem war es alles für ihn, Bosie zu sehen.
„Diesen Brief, habe ich für dich verfasst, der ist für dich.“


So wie er gelebt hat über seine Verhältnisse

 

Wortlos nahm er ihn entgegen.
„Wie du dir sicher denken kannst habe ich viel Zeit gehabt nachzudenken,“ schmunzelte er.
„Ich denke es ist für uns beide das Richtige, wenn wir es beenden.“
Dann drehte er sich um und ging. Es war ihm unangenehm. Er schämte sich so vor Bosie auszusehen. Nun, zunächst musste Geld her, für ein neues Stück meinetwegen. Er würde seine Freunde bitten und ihnen erzählen, dass er ein grandioses neues Werk vollbringen würde. Er würde er sich neue Kleidung kaufen und durch die Rue de Champs des Lysees schlendern, würde Champagner bestellen und ein reiches Mahl genießen. Er würde seine Freunde in sein Hotel an der Seine einladen und ihnen aus seinen Werken lesen, sie zum Weinen und zum Lachen bringen. Und dann, dann würde Oscar Wilde sterben, so wie er gelebt hat über seine Verhältnisse.

M.

Lies hier den ersten Teil von Oscars Tag

*Zitate: Das Bildnis des Dorian Gray, Oscar Wilde

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.