Soul Talk: Toxische Liebe

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Manchen sind solche Beziehungen bekannt, manche stecken selbst in einer fest: Manchmal geraten wir an Menschen, die uns definitiv nicht gut tun; ein Leben zwischen Nähe und Kälte, Liebe und Leid, immer am schmalen Grad des Höhenflugs und tiefen Sturzes, eine Achterbahn der Gefühle, das reinste Nervenkarussell. Man führt eine toxische Beziehung mit einem toxischen Partner. Ein Gegengift gibt es bisher noch nicht. Wir sprechen mit Paartherapeut Christian von Uhl, der uns erklärt, welche Anzeichen ein toxischer Partner mit sich bringt und warum es so schwer ist, sich zu lösen.

Was beschreibt eine toxische Beziehung?

Es gibt keine allgemein-gültige Definition einer sogenannten „toxischen Beziehung“, es ist auch keine medizinische Diagnose. Vielmehr hat sich diese Bezeichnung umgangssprachlich für solche Beziehungen etabliert, die wie Gift wirken und uns trotzdem in ihren Bann halten. Menschen in einer toxischen Beziehung wissen genau, die Beziehung tut ihnen nicht gut – und schaffen es dennoch nicht, sich daraus zu lösen; Jedes noch so kleine Signal des Partners reicht, um weiter auf Besserung zu hoffen und schließlich doch enttäuscht und verletzt zu bleiben.

Menschen, die unter einer toxischen Beziehung leiden, leiden unter nicht hinreichend erfüllten Bedürfnissen, Abwertungen und Kränkungen (häufig auch subtiler Art) durch den Partner. Auf die Dauer hält das niemand aus, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Seele darunter krank wird.

Woran erkennen wir einen toxischen Partner?

Bis auf wenige Ausnahmen gibt es nicht DEN toxischen Partner, es gibt nur toxische Beziehungen. Das ist wie mit einer Vergiftung: Ein Gift führt erst dann zu einer Vergiftung, wenn es den menschlichen Organismus in einer relevanten Mindestdosis erreicht. Es braucht also zwei dazu. In der Regel spüren Menschen erst allmählich, dass sie sich in einer toxischen Beziehung befinden. Es fängt mit einem Unbehagen an, dem Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Im Laufe der Zeit wird dann immer klarer, die Beziehung ist nicht erfüllend, sondern destruktiv, von Abwertungen, Schmähung, Verletzungen gekennzeichnet und es ist gleichzeitig scheinbar unmöglich, sich daraus zu lösen, wie in einer Sucht.

Gibt es ein Gegengift dafür?

Ja. Entscheidend sind vier Stufen: Erstens, die Anerkennung, in einer toxischen Beziehung zu leben. Zweitens, die Anerkennung, der (als toxisch erlebte) Partner lässt sich nicht ändern, entweder weil er es nicht will oder nicht kann. Drittens, die Anerkennung, IN der Beziehung ist eine Lösung nicht möglich, weil es bedeuten würde, die Beziehung nur zum Preis des eigenen Leidens aufrecht erhalten zu können. Viertens, die Stärkung einer inneren Haltung, sich selbst mehr wert sein zu dürfen als „nur“ eine toxische Beziehung verdient zu haben.

Ist ein toxischer, ein narzisstischer Partner? Und was ist das besondere an einer toxischen Person?

Wie wir gesehen haben, gibt es nicht DEN toxischen Partner. Gleichwohl werden häufig narzisstische, egozentrische, egoistische Partner als toxisch erlebt. Für solche Menschen spielen in Beziehungen die Themen Macht, unangemessene Selbstliebe und Dominanz eine besondere Rolle, häufig unterbewusst; eine Vorstellung von ebenbürtigen Beziehungen sind ihnen zwar in der Theorie ein Begriff, nicht aber in der Praxis.

Hier macht sich dann auch deutlich, warum es für eine toxische Beziehung immer beide Partner braucht. Der andere Partner macht nämlich anfangs mit, ordnet sich den Vorstellungen des toxisch wirkenden Partners mit, weil er zum einen so Loyalität definiert und hofft, es wird schon alles besser werden.


Warum fällt es dem Gegenüber schwer, sich zu lösen? Kann man es mit einer Sucht vergleichen?

Ja, wie wir oben schon gesehen haben, kann man das in vielen Fällen als eine Sucht bezeichnen. Die Trennung fällt so schwer, weil es immer auch liebenswerte Seiten am anderen gibt. Hinzu kommt, dass das oft unterbewusstes Selbstverständnis darin besteht, sich in einer Partnerschaft dem anderen unterzuordnen.

Welchen Umgang raten Sie dafür?

Das hängt von der Toxizität ab. Je geringer sie ist, umso eher ist die Chance durch Bewusstmachung und gemeinsame Auseinandersetzung eine ebenbürtige, konstruktive, wertschätzende Beziehung zu entwickeln. Je mehr die Toxizität zunimmt empfehlen sich Paar- beziehungsweise Einzeltherapien, entweder um durch diese Unterstützung eine gesunde Beziehung aufzubauen oder – wenn das alles nicht hilft — die Kraft und Klarheit für eine Trennung herbeizuführen.

Über Christoph Uhl


Jahrgang 1966, ist systemischer Therapeut und einer der führenden Paartherapeuten in Berlin. Seit über 20 Jahren tätig in der Unterstützung bei privaten und beruflichen Anliegen sowie in der Aus- und Weiterbildung von Therapeuten. Zusatzqualifizierungen unter anderem in Transaktionsanalyse und Organisationsentwicklung, mit Ausbildungsstationen in den USA, Japan und China. Mitglied der European Association for Supervision and Coaching (EASC).
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Habt ihr schon mal toxische Liebe erfahren? Was habt ihr dagegen getan? 
Schreibt es uns gerne in die Kommentare.

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