Soul Talk: Wann kann ich ich sein?- Geschichte einer Transgender

Transgender, Queer, Non Binary ist großes Thema momentan. Aber eigentlich war es schon immer präsent, nur nicht so einfach wie jetzt. Denn fühlen wir uns seit Geburt an wirklich schon wohl und richtig in unserem Körper?
Wir treffen Lotty. Lotty ist Rentnerin, transsexuell und seit 16 Jahren eine Frau. Der Wunsch das Geschlecht zu wechseln war schon in ihrer Kindheit präsent damals aber nicht einfach so umsetzbar. Wir treffen sie und merken schnell, dass sowohl sie als auch ihre Geschichte sehr spannend ist.

Mein Name ist Lotty, ich bin 66 Jahre alt und wie zu vermuten Rentnerin.
Ach so und ich bin Transsexuell.
In meiner Jugendzeit war Transsexualität weitestgehend unbekannt.
Vom Internet und der Vielfalt der Medien wie wir es heute kennen waren wir damals weit entfernt. Ich wusste, dass mein Körper nicht richtig war aber es war halt so, Penis gleich Mann und somit war das mein Geschlecht zu dem ich mich zugehörig fühlen musste, für mich festgeschrieben. Ich hatte aber das Glück, dass mich nie jemand aufforderte Mann zu sein. Ich hatte keine Partnerschaften auf die ich Rücksicht nehmen musste und auch mein Beruf ließ mir alle Freiheiten. Die Kindheit aber, bis zu der Zeit, als ich begann in einer Band zu spielen, war grausam.

“Bei den Jungs passte es nicht und bei den Mädchen wollte man mich auch nicht. “

Meinen richtigen Platz hatte ich damals nicht finden können. Bei den Jungs passte es nicht und bei den Mädchen wollte man mich auch nicht. In meiner Zeit als Musikerin durfte ich mich dann so benehmen wie ich war, ich konnte mich in gewisser Weise auch weiblich kleiden. Aus mir wurde mit der Zeit ein femininer Mann. Immer mit langen Haaren und immer mit dem Wunsch mich auch richtig weiblich zu kleiden. Im Jahre 1978 machte ich mich selbständig.

Wir gründeten eine Firma in der wir Equipment für den Musikbereich entwickelten, produzierten und verkauften. Immer mehr zog ich mich vom Leben zurück, verkroch mich in meine Arbeit. Als Person wurde ich mir immer unwichtiger. Permanent war da dieses Gefühl der Unzufriedenheit mit meinem Körper.

“Der Druck, die eigene Vergangenheit zu verleugnen wird stärker und stärker.

Auch wuchs der Wunsch mich weiblich zu kleiden. Weibliche Körper faszinierten mich, sie übten aber keinen sexuellen Reiz auf mich aus. Es war der unbewusste Wunsch nach solch einem Körper. Das weiß ich heute wusste es aber damals leider nicht. Mit 50 ergab es sich, auf Grund gesundheitlicher Probleme, dass meine Kleidung vollständig weiblich wurde.

Meine Beine schmerzten und ich hatte einen Grund Stützstrümpfe zu tragen. An den Beinen wurde es warm, ich hatte einen Grund Röcke zu tragen. Herrenschuhe unter Röcken sahen blöd aus, daher hatte ich einen Grund Pumps zu tragen. Somit konnte ich meine weibliche Kleidung vor mir selbst rechtfertigen. Irgendwie blöd aber nun ja.

„Spiele ich Rollen oder bin ich es einfach?“

Ich fragte mich „Warum gefällt dir das so sehr?“ und als Antwort hatte ich „Du hast keine Frau also machst du dir wohl eine“. Von solchen Dingen wie Transsexualität hatte ich immer noch nichts gehört, was ich aus heutiger Sicht nicht verstehen kann. Selbst mein Papa hatte es mitbekommen, dass es sowas gab aber ich war wohl zu sehr isoliert, von mir und der Umwelt. Beruflich, privat und öffentlich hatte ich nie Probleme, eher im Gegenteil. Die Menschen waren auf einmal freundlicher und zuvorkommender. Niemand war wirklich verwundert, es schien so als sei jetzt alles richtig. Inneres und Äußeres waren nun in Übereinstimmung. In fremden Umgebungen nahm niemand sonderlich Notiz von mir, es war alles vollkommen normal. An meinem eigentlichen Problem, die Unzufriedenheit mit meinem Körper hatte sich jedoch nichts verändert.

Da war ich immer noch der Meinung “du bist ein Mann“. Irgendwann ergab es sich, dass ich mir Brustprothesen zulegte und mich vor dem Spiegel ansah. Das war die Erkenntnis. Wie vom Blitzschlag getroffen war mir da klar, das dies mein Körperproblem sei. Das gehört zu mir. Ich fing an, an mir zu zweifeln: “Du bist ein Mann, dem Brüste gefallen?” Mit in dem Paket lag ein Flyer von einem Forum „Für Männer, die sich gelegentlich als Frau kleiden“.

Die Lösung?

Das schien mir die Lösung, das könnte ein Ort sein, in dem ich vielleicht Antworten bekommen würde. Das war dann auch die Zeit, in der ich mir einen Namen aussuchen musste. Nun hatte ich Lotty schon immer als Spitznamen und was lag näher als den zu meinen neuen Namen zu erklären. In diesem Forum las ich dann „Das kann ich nicht in der Rolle Frau machen, und das kann ich nicht in der Rolle Mann machen“. So etwas war mir fremd, was heißt eigentlich Rolle Frau, Rolle Mann. Spiele ich Rollen oder bin ich es einfach?

Ich wartete dann eine gewisse Zeit um mir die nötige Sicherheit zu verschaffen, beantragte die Änderung des Vornamens und des rechtlichen Geschlechtseintrages, begann mit der vorgeschriebenen therapeutischen Begleitung, bekam auch kurze Zeit später meine geschlechtsrichtigen Hormone und ließ die Genitalien an mein Geschlecht angleichen. Ein Forum verschaffte mir die Klarheit was ich bin, was Transsexualität ist und wie der ganze Prozess der Angleichung an mein Geschlecht vonstattengeht.

Hatte ich mich entschlossen transsexuell zu werde? Nein, ich war es. Hatte ich mich entschlossen Frau zu werden? Nein, ich war seit Geburt eine Frau, nur wusste ich es nicht.

Hatte ich mich entschlossen transsexuell zu werden? Nein, ich war es. Hatte ich mich entschlossen Frau zu werden? Nein, ich war seit Geburt eine Frau, nur wusste ich es nicht. Natürlich hatte ich nicht den Körper einer Frau, das ist das verhängnisvolle bei uns. Bei uns verläuft während der Embryogenese die Entwicklung der äußeren Körperlichkeit und des geschlechtlichen Wesens in verschiedenen Richtung. Man kann keine Frau werden, man kann kein Mann werden, das ist eine Illusion, entweder ist man es oder nicht. Werden kann man es nicht, man kann sich aber entscheiden in seinem wahren Geschlecht zu leben, man kann sich entscheiden seinen Körper seinem Geschlecht soweit es geht anzugleichen. Mittlerweile bin ich Rentnerin, lebe mit meinem Mann zusammen. Auch er hatte eine transsexuelle Vergangenheit.

Er hat auch alles hinter sich inklusive der Genitalangleichung. Ihm wurde bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen. Zusammen gründeten wir vor einigen Jahren die Vereinigung- TransSexuelle – Menschen e.V. Die Vereinsarbeit ist das, was ich mir als Beschäftigung für meinen Ruhestand ausgewählt habe. Die Arbeit ist vielfältig, macht Spaß und ich kann sie mir frei einteilen. Abgesehen von der Arbeit für den Verein ist unser Alltag absolut unspektakulär. Transsexualität spielt in unserem Privatleben keine Rolle. Mein Mann arbeitet und seine Frau ist Hausfrau.

Werden kann man es nicht, man kann sich aber entscheiden in seinem wahren Geschlecht zu leben, man kann sich entscheiden seinen Körper seinem Geschlecht soweit es geht anzugleichen.

Direkte Diskriminierung erleben wir nicht. Die Diskriminierung erfahren wir nicht aus der Gesellschaft, sondern von dort, was sich die Trans*Community nennt, von LGBT und Trans*Vereinen, da wir direkt als Trans*Frauen, Trans*Männer gelten.
Dieser Trans*Hype macht es originär transsexuellen Menschen, immer schwerer in ihrem Geschlecht Anerkennung zu finden.


Der Druck, die eigene Vergangenheit zu verleugnen wird stärker und stärker. Nur wenn keiner von der Vergangenheit weiß, ist es möglich als das anerkannt zu werden was man ist,

Frau bzw. Mann. Gelegentlich kommt es vor, dass ich gefragt werde „Seit wann bist du eigentlich transsexuell?“ oder „Wann hast du dich dazu entschlossen transsexuell zu werden?“. Ich muss dann immer lächeln, denn es ist nicht einfach ein Geistesblitz gewesen eines Tages, sondern man war schon immer transsexuell, seit der Geburt. Man kann es sich auch nicht aussuchen, entweder man ist es oder nicht. Transsexualität bedeutet, dass ein Mensch im gegengeschlechtlichen Körper geboren wird. Man wird also nicht transsexuell aber man bemerkt irgendwann in seinem Leben, dass man von Transsexualität betroffen ist. Ich denke im Leben ist es wichtig, Entscheidungen für sich zu übernehmen. Und manchmal wird das nicht allen gefallen, nein. Und manchmal wirst du schief angeguckt. Aber wen interessiert das schon? Dafür kann ich endlich ich sein. Und ich bin glücklich.

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Interview & Text:
Masha ist Gründerin von Literaa Poetry und die bessere Hälfte von Pedro.
Sie schreibt gerne Kolumnen und Lifestyle Themen und kümmert sich um die Redaktion.
Lies hier mehr über Masha hier.

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