Fiction: Blüte der Zeit – Kapitel V

Ich hatte das Gefühl, dass das Boot die Segel gesetzt hatte und es mich zurückgelassen hatte. Ich musste vom Pier ins Wasser springen und so schnell wie möglich schwimmen, um es zu finden. Es gab kein Zurück, entweder würde ich ertrinken noch würde ich sie erreichen. Der nächste Morgen sollte wie in den letzten dreihundert Jahren mein täglicher Morgen sein. Aufwachen, unglücklich über das Leben sein, aufstehen, noch mehr unglücklich über das Leben sein, ein wenig vom Toast und Saft, am Ende sind es doch wieder nur ein paar Bissen und die restlichen fünf Minuten der Frühstückszeit verbringe ich damit, an meine schlechten Lebensentscheidungen denken.

Aber das war es nicht. Diesmal stand ich nicht auf, diesmal dachte ich nicht an jede dumme Sache, die ich bis dahin getan hatte. Ich dachte an jede dumme Sache, die ich von nun an tun konnte, so dumm, dass sie mich glücklich machen könnten. Endlich. Ich arbeitete in einer Versicherungsgesellschaft, nahm Anrufe entgegen, tippte Daten und wünschte, dass mein Leben enden würde, bevor ich überhaupt ins Büro kommen würde. Ein gnädiger Tod.
An diesem Morgen entschied ich mich, nicht dorthin zurückzukehren, egal was passiert.
Liebe kann dich in der Tat befreien. Manchmal ist es schmerzhafter, das Risiko einzugehen,
als die eigentliche Wette zu verlieren.

Liebe ist ein Gefühl, dass uns über das Risiko vergessen lässt, sie bricht die Waage und verschüttet die Angst zu Boden. Angst verliert ihren Sinn in einem Leben voller Liebe.
Aber irgendwie, im Hinterkopf, fühlte ich immer noch, dass diese Entscheidung “dumm” war, nicht, dass sie falsch war, aber etwas sagte mir, dass ich es nicht tun sollte, eine nagende Stimme in meinem Hinterkopf. Mit einer Angst zu sehr herauszuragen, wurde die Stimme wie die eines Babysperlings, der um sein Leben kreischte. Gekonnt ignorierte ich sie einfach, weil ich wusste, dass diese Stimme nur ein Echo des Egos war, bedingt durch eine Reihe von Regeln, denen es nicht folgt. Eine Umgebung, in der es nicht leben wollte, und eine Zukunft, die nie davon geträumt hatte, weiterzuleben. So stand ich an meinem Bett, plante meinen Fluchtweg, wartete auf ein Wort von ihr, jedes, das sie mir gab, war eine verewigte Perfektion.
Das ist die Kraft, die ich noch nie zuvor hatte.
Mein Selbstmitleid hatte plötzlich keine Ausreden mehr.

Als ich endlich aufstand, zog ich meine Lieblingskleidung an und ging raus. Ich hatte ein stolzes Gefühl, vermischt mit Freiheit. Ich habe endlich etwas aus eigenem Willen getan. Ich ging und ging, jede Straße, die mir etwas bedeutete. Ich stellte sicher, dass ich jedes Bild, jeden Geruch in mir anhaftete. Ich nahm Erinnerungsstücke für meine Fahrt mit. Es war, als würde ich die Stadt nochmals besuchen, als würde ich sie zum ersten Mal seit vielen Jahren sehen, aber verlassen hatte ich sie noch nicht. Alle um mich herum spürten es. Zuerst riefen sie mich an, aber bald wurden sie still. Sie wussten, dass ich mich auf meine eigene Weise verabschieden würde. Denn Worte bedeuten nichts, wenn etwas echt ist und fühlt, fühlt jeder herum auch.

Ihre Worte kamen immer wieder. Der Ruf einer Meerjungfrau, jedoch war das Ertrinken nicht mein letztes Schicksal. Das war nur der Anfang. Meine Mutter, die so lange versucht hatte, mich glücklich zu machen, wissend, dass alles was sie tun konnte nur das war. Das erste Mal als ich dies verstand, wurde ich wieder zu dem Jungen, den sie von damals kannte. Abgelenkt von der Welt, aber mehr in Kontakt mit ihr als der durchschnittliche Junge. Zufrieden mit seinem eigenen Verstand. Geschenke für andere mit sich zu tragen . Sie wusste, dass ich zurück war, und sie wusste, dass es Zeit war, mich gehen zu lassen.

Zwei Wochen später machte sie mir Gesellschaft zum Flughafen. Ich hatte Angst vor Flugzeugen. Allein die Vorstellung, wie sie auf dem Asphalt landeten, ließ mich zittern.
Ich habe viele Ängste von ihr geerbt, nun fühlte sie sich mehr als verpflichtet, Nachbesserungen vorzunehmen. So sehr sie mich auch nicht gehen lassen wollte, wollte sie mich nicht mit der Angst vor dem Einsteigen in die Maschine zurückschrecken lassen.
Da war sie wieder, Marias Stimme, meine Bestimmung. Ich bin mit der größten Sicherheit, die ich je in meinem Leben hatte, ins Unbekannte gestürzt. Ich habe sie geliebt.

Drei Stunden später war ich in ihren Armen.

P.

Was war das größte Risiko, das du im Leben eingegangen bist?
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Lese die letzten Kapitel von Blüte der Zeit

Chapter I
Chapter II
Chapter III
Chapter IV

Pedro ist der Gründer der Literaa Poetry und die bessere Hälfte von Masha. Er liebt die Fiktion und liebt es, in Welten jenseits der Realität einzutauchen.
Mehr über Pedro erfahren Sie hier.


Ratet mal wer frischen Wind in Literaa Poetry bringt?
Darf ich vorstellen? Linh!
Linh ist ein Herzensmensch, gute Freundin von uns und eine sehr talentierte Fotografin. All ihre Arbeiten erzählen einzigartige Geschichten und fangen einprägsame Momente ein. Wie schön sie bei uns zu haben.
Mehr Arbeiten von Linh findest du hier

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