Soul Talk: Können wir uns angstfrei atmen?

Natürlich wissen wir alle, wie essenziell es ist zu atmen. Überlebenswichtig.
Aber wusstest du auch, dass du Traumata und innere Blockaden durch Atmung lösen kannst? “Biodynamic Breath ist eine ganzheitliche Methode zur Befreiung von seelischen und körperlichen Blockaden.” Das sagt zumindest Michael Lindemann, Experte für Biodynamic Breathwork. Tatsächlich können spezielle Atemtechniken öffnende und kathartische Wirkung haben. Ganz klar, wir wollen mehr dazu erfahren und befragen Michael dazu.

Kannst du uns ein wenig mehr über dich erzählen und Dich vorstellen?

Ich bin Heilpraktiker für Psychotherapie und praktiziere eine noch neue Form der Körper-Psychotherapie – Biodynamic Breath & Trauma Release, kurz BBTR. 

Was denkst du sind die häufigsten Gründe für innere Blockaden?

Ich denke, die häufigste Ursache für innere Blockaden ist Angst, die in vielfältigen Ausprägungen und Intensitätsgraden weit verbreitet ist. Das können alte oder auch aktuelle Ängste sein. Schwere Blockaden werden oft durch ein Trauma ausgelöst. Auch ein hektischer und stressiger Lebensstil führt über einen längeren Zeitraum dazu, dass wir Blockaden aufbauen – anders ist es gar nicht durchzuhalten. 

Je weniger wir atmen, desto weniger Energie bekommt unser Körper.
Wir haben uns das angewöhnt, um uns zu schützen, weil es den scheinbaren Vorteil hat, weniger zu spüren. Wenn wir vollständig atmen, sind wir mehr im Kontakt mit uns Selbst.

Was ist Biodynamic Breath?

Biodynamic Breath ist eine ganzheitliche Methode zur Befreiung von seelischen und körperlichen Blockaden. Besonders geeignet ist das Verfahren zur Lösung von Traumafolgestörungen. Der biodynamische Atem kann aber auch als eine spezielle Form der Meditation angesehen werden. 

Der Atem wird ja schon seit vielen Jahrhunderten zur Meditation und spirituellen Praxis eingesetzt, z.B. von den Sufis oder im Tantra. Im letzten Jahrhundert haben Pioniere wie Wilhelm Reich oder Stanislav Grof begonnen, damit erfolgreich in der Psychotherapie zu arbeiten. BBTR nutzt dazu langjährig erprobte Atemtechniken und ergänzt das Ganze durch Berührung, Bewegungsübungen, Gefühlsarbeit und Meditation zu einem für jeden Klienten individuellen System. Durch neue Erkenntnisse in der Gehirn- und Traumaforschung wissen wir, dass ein psychisches Trauma nicht nur ein seelischer, sondern auch ein körperlicher Vorgang ist, der vom Stammhirn gesteuert wird. Dieser evolutionsgeschichtlich älteste Teil unseres Gehirns unterscheidet sich kaum von dem der Reptilien. Er ist sehr einfach aufgebaut, funktioniert aber unglaublich schnell. Ein Zebra muss z.B. nicht nachdenken, ob der auf es zu rennende Löwe eine Gefahr darstellt. Das Stammhirn schaltet im Bruchteil einer Sekunde in den „Notfallmodus“ und löst eine fight-or-flight Reaktion aus.

Dabei wird Adrenalin ausgeschüttet und alle Energie in die für das Überleben wichtige Muskulatur und Durchblutung geschickt. Für das Überleben nicht unmittelbare Funktionen, wie die Verdauung oder das Denken, werden dagegen unterbrochen. Kann das Zebra dem Löwen erfolgreich entkommen, wird dieser enorme Energieschub aufgebraucht, überschüssige Reste durch verstärkte Atmung und teilweise intensives Zittern abgeschüttelt. Das Zebra hatte zwar ein schlimmes Erlebnis, ist aber nicht traumatisiert. Ganz anders sieht es aus, wenn eine erfolgreiche Kampf- oder Fluchtreaktion unmöglich ist. Das Stammhirn friert den Körper quasi ein. Im Tierreich kennen wir das als Totstellreflex. Es erfolgt eine sogenannte Dissoziation, die als Schutzmechanismus dient, damit keine Gefühle oder Schmerzen mehr wahrgenommen werden. 

Bei Menschen, die unter den Folgen eines Traumas leiden, ist dieser eingefrorene Zustand chronifiziert. Das Stammhirn signalisiert immer noch eine bedrohliche Notlage, obwohl diese nicht mehr besteht. Unser Großhirn, für das rationale Denken verantwortlich, hat darauf keinen Einfluss. Der Körper produziert ständig Energie für den Notfall, ohne dass diese sinnvoll genutzt werden kann. Die dauernde Anspannung führt schließlich zu Erschöpfungszuständen, Angst, innere Unruhe, Stress, Nervosität, Schlafstörungen, Verdauungsproblemen, Aggressivität, Gefühlsarmut. 

Traumafolgestörungen können nur bedingt durch Gesprächstherapie verarbeitet werden. Das braucht einen ganzheitlichen Ansatz, der auch die körperlichen Blockaden des Traumas einbezieht. Nur über das körperliche Erleben kann dem Stammhirn signalisiert werden, dass die Gefahr vorüber ist. 

In Eurer Therapie bietet Ihr: Atem, Berührung, Bewegung, Emotion, Meditation an. Glaubst du wir haben heute verlernt uns zu bewegen, berühren, Gefühle zu zeigen und richtig zu atmen? Kreiert das wiederum Angststörungen/ Panik und Stress?

Dass wir das verlernt haben, würde ich nicht sagen. Ein eingeschränkter Atem ist eher das Ergebnis von Angst und Stress als die Ursache. In unserer verstandesbezogenen Leistungsgesellschaft kommen Gefühle und Berührung aber oft zu kurz. Zeit für Meditation bleibt kaum und Bewegung bedeutet vielfach Leistungsstress im Fitnessstudio statt einer Wanderung in der Natur. 

Wie kann die Art, wie wir atmen, unsere Lebensweise beeinflussen? 

Wie wir atmen ist zentral für alle körperlichen und geistigen Prozesse. Wenn wir Angst haben, halten wir den Atem an. Wenn wir im Stress sind, atmen wir flach und gepresst. Sehr viele Menschen atmen gewohnheitsmäßig nur mit einem Bruchteil ihrer Lungenkapazität.
Je weniger wir atmen, desto weniger Energie bekommt unser Körper. Wir haben uns das angewöhnt, um uns zu schützen, weil es den scheinbaren Vorteil hat, weniger zu spüren. Wenn wir vollständig atmen, sind wir mehr im Kontakt mit uns selbst, mit unserem Körper, unseren Gefühlen, im eigentlichen Sinn des Wortes selbstbewusst. 

Wie läuft so eine Session ab? Was passiert im Gehirn und Körper?

Eine Session beginnt normalerweise mit einem Gespräch über die empfundenen Schwierigkeiten und die zu erreichenden Ziele. Wir nutzen eine intensivierte Atmung, um den Körper zu aktivieren und die vorhandenen Spannungen mehr auf der körperlichen Ebenen wahrzunehmen, statt uns nur über den Verstand in unsere Probleme zu vertiefen. Berührung und manuelle Intervention helfen dabei, körperliche Blockaden zu lockern. Durch die Unterstützung des Therapeuten gelingt es, mit alten traumatischen Erlebnissen in Berührung zu kommen, ohne von ihnen erneut überwältigt zu werden. Statt wieder in die Erstarrung zu gehen, folgen wir Bewegungsimpulsen des Körpers, die einer normalen Fight-Flight-Reaktion entsprechen, das eingefrorene Traumamuster verflüssigt sich in Bewegung. Die vom Stammhirn gesteuerten Traumareaktionen können abgeschlossen werden. Der Klient erlebt einen verstärkten Energiefluss im Körper und geht am Ende in eine sehr tiefe Entspannung. Eine meditative Ruhephase am Ende der Session ist ein essentieller Teil, um das körperliche und emotionale Erleben zu integrieren. 

Welche Traumata können hierbei geheilt werden?

Wir sprechen von Trauma Release in dem Sinne, dass wir uns aus dem Griff des Traumas lösen können. Wir können unsere Geschichte ja nicht ändern. Wir erfahren aber durch eine Erweiterung des Atems und eine Lockerung von körperlichen und mentalen Blockaden, dass wir diese Geschichte hinter uns lassen und ganz im Hier und Jetzt sein können. In dieser Präsenz mag es noch Erinnerungen an traumatische Erlebnisse geben, sie werden aber nicht mehr als problematisch erlebt und schränken uns nicht länger ein. 

Die Art und Weise, wie ein seelisches Trauma in uns nachwirkt, ist prinzipiell gleich, egal ob es sich um ein einzelnes Ereignis, wie z.B. ein schwerer Unfall, handelt oder um ein Entwicklungstrauma in der Kindheit. Deshalb kann auch bei jeder Art von Trauma eine Erleichterung erzielt werden. Schon in der ersten Session kann dieses Gefühl der Präsenz und Freiheit erlebt werden. Abhängig von der Schwere des Traumas braucht es in der Regel aber eine Reihe von Sessions, bis die Lösung vollständig ist und sich diese Freiheit auch als alltäglicher Zustand etabliert.

Sind Atem, Berührung, Bewegung, Emotion, Meditation ein Rezept für ein erfülltes Leben?

Davon bin ich fest überzeugt. Aus eigener Erfahrung und aus den Erfahrungen mit meinen Klienten. Es ist für mich immer wieder faszinierend zu sehen, wie rasch und tiefgreifend uns vollständiges Atmen aus einer kognitiven Problemfixierung in tiefe innere Ruhe und Zufriedenheit führt. In diesem Raum können Emotionen frei kommen und gehen, ohne dass wir gegen sie ankämpfen müssen. 

Vielen Dank an Michael für das tolle und spannende Interview!

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Habt ihr Breathwork schon mal ausprobiert?
Erzählt es uns und schreibt es uns in die Kommentare.

Interviewgast:
Michael Lindemann lebt und arbeitet als Heilpraktiker für Psychotherapie, Atemtherapeut und Shiatsu-Praktiker in Berlin-Zehlendorf.
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Text: 
Masha ist die Gründerin von Literaa Poetry und die bessere Hälfte von Pedro. 
Sie schreibt gerne Kolumnen und Lifestyle-Themen und kümmert sich um die Redaktion.
Lies hier mehr über Masha hier.

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