Soul Talk: Frieden mit sich schließen

Selbstliebe. Mittlerweile in aller Munde. Doch was genau bedeutet das eigentlich im Einklang mit sich und seinem Körper zu sein? Kann man wirklich Frieden mit seinem Geist schließen? Unser Interviewgast Silja Janina M. ist dem schon ein bisschen näher. Sie ist Yoga und Meditationslehrerin und hat mithilfe der Kundalini Lehren und ihrem Freigeist ein Stückchen mehr Erleuchtung gefunden. Wir sprechen mit Silja über Kundalini Yoga, gesundes Körper und Geistbewusstsein und Nacktheit. Richtig gehört!

Magst du dich in wenigen Worten vorstellen: Wer bist du und was machst du? 

Versuchen wir nicht alle, genau das unser Leben lang herauszufinden: wer wir sind? Aber Spaß beiseite. Ich bin Silja, lebe in Berlin und bin momentan Kundalini Yoga- und Meditationslehrerin. Ich mache mich zudem gerade selbständig im Bereich alternative Heilung und beschäftige mich seit Jahren mit den Themen Gesundheit, Spiritualität, Kultur und Reisen, Meditation, Yoga, Psychologie und dem Sinn des Lebens.

Was ist Kundalini Yoga genau und welche Bereiche deckt es ab?

Kundalini bezeichnet eine jedem Menschen innewohnende Kraft, mit der wir unser volles Potenzial entwickeln können – auf körperlicher, geistiger und seelischer Ebene. Kundalini Yoga hilft dabei, diese Kraft in sich zu entdecken bzw. zu erwecken und zurück zu sich selbst zu finden. Es wird deshalb auch oft Yoga des Bewusstseins genannt. Man erlebt mehr inneren Frieden, Stärke, Zufriedenheit – und im besten Falle die Erleuchtung.

Jahrtausendelang wurde die Technik des Kundalini Yoga von sehr Wenigen praktiziert und das Wissen nur an ein paar auserwählte Yogis weitergegeben. In den 1970ern brachte dann Yogi Bhajan diese alte Tradition in den Westen und machte es dort bekannt. Trotzdem ist diese Form des Yogas bis heute nicht so verbreitet wie beispielsweise Hatha Yoga und unterscheidet sich auch recht stark von den bekannteren Yogastilen.

Kundalini Yoga besteht aus einer Mischung aus dynamischen sowie meditativen Elementen und verbindet dabei bestimmte Übungen, Mantras, Meditationen und Atemtechniken. 

Verhilft die Praxis dazu ein gesundes Verhältnis zu sich und seinem Körper zu entwickeln?

Für mich war das definitiv der Fall. Kundalini Yoga lässt dich oft deinen Körper neu spüren und entdecken, da du sehr ungewohnte Haltungen, Atemtechniken und Bewegungen kombinierst. Es hilft, mehr in Kontakt mit deinem Körper zu treten, da die Übungen Körper, Geist und Seele gleichermaßen ansprechen. 

Man schließt beim Kundalini Yoga fast durchgehend die Augen. Dadurch kann man sich selbst, seinen Körper und seine Innenwelt viel intensiver wahrnehmen und spüren. 

Man lernt auch, zu was der Körper eigentlich im Stande ist, denn die Übungen werden meistens über eine längere Zeit gehalten bzw. wiederholt. Mit der Zeit trainiert man seine körperliche, aber vor allem auch seine mentale Ausdauerfähigkeit.

Ich denke, dass gewisse Rituale und sich etwas Gutes zu tun, sei es durch Yoga, Sport, Kochen oder welche Aktivitäten auch immer man mag, immer dazu verhelfen, ein gesundes Verhältnis zu sich und seinem Körper aufzubauen.

Warum wird Kundalini Yoga von so vielen kritisiert und ist nichts für die Mehrheit?

Kundalini Yoga wirkt für viele auf den ersten Blick religiös oder kultartig. Die LehrerInnen tragen traditionellerweise weiß und einen Turban und man singt oft Mantren, was manche eventuell an religiöse Rituale erinnert. Kundalini Yoga ist für viele nicht nur eine Form des Yoga, sondern eine ganze Lebensweise, die mit einigen Richtlinien und Traditionen einhergeht. Das kann natürlich erst einmal abschrecken. Ich denke, man darf das Ganze nicht so dogmatisch sehen. Wir im Westen kennen solche Elemente fast nur aus der Religion und haben daher oft eine Abneigung dem gegenüber. Wenn man sich dem Kundalini Yoga aber öffnet, merkt man sehr schnell, dass es einfach etwas sehr Schönes sein kann, gewisse Rituale zu haben oder Mantren zu singen. Rituale zu erleben und zu singen sind für mich zutiefst menschliche Bedürfnisse, die es schon gab, bevor Religionen entstanden sind. Solche Traditionen sind bei anderen Kulturen schon seit jeher fester Bestandteil des Zusammenlebens. In der westlichen Welt wirkt das jedoch oft befremdlich.

Kundalini Yoga ist auch deshalb nicht so beliebt, weil manche Übungen durchaus anstrengend bis unangenehm sein können. Wenn du beispielsweise drei Minuten deine Arme an der Seite ausstrecken sollst, klingt das erst einmal einfach. Aber probier das mal. Da können tatsächlich auch mal Wut oder andere verdrängte Emotionen aufkommen. Genau das ist aber das Schöne am Kundalini: man lernt, durch unangenehme Situationen einfach durchzuatmen und kann dies letztlich dann auch auf allgemeine Lebenssituationen anwenden. Man lernt, dass der Geist stärker ist als der Körper, doch der Weg dahin führt eben manchmal durch unangenehme Gefühle. 

Und zu guter Letzt musst du dein eigenes Schamgefühl überwinden können, denn viele Übungen fühlen sich komisch an oder sehen verrückt aus. Du darfst also kein Problem damit haben, deine Zunge rauszustrecken und wie ein Hund zu hecheln, während du deinen Körper noch seltsam verbiegst.

Was macht für dich ein ganzheitliches, gesundes Verhältnis zu seinem Körper aus?

Ein gesundes Verhältnis zum Körper bedeutet für mich, dass man bewusst darauf achtet, was von außen sowie innen auf Körper, Geist und Seele wirkt. Das beinhaltet einmal natürlich eine gesunde, ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, frische Luft und guter Schlaf. Ich denke, das wissen wir mittlerweile fast alle. Viele vernachlässigen aber den “unsichtbaren” Teil, der von innen kommt. Der Begriff Selbstliebe ist momentan sehr im Trend, aber genau das ist für mich der Schlüssel zu einem gesunden Verhältnis zu sich und seinem Körper. Das bedeutet, dich mit deinen ganzen vermeintlichen Makeln und Dingen, die du an dir eigentlich nicht magst, zu lieben. 

Wie du über dich denkst und wie du über dich bzw. mit dir sprichst macht einen riesigen Teil der Gesundheit aus, physisch wie mental. Ich bin fest davon überzeugt, dass die meisten Krankheiten Ausdruck von psychischen Inbalancen und nicht rein biologischer Natur sind. Oft achten wir aber gar nicht darauf, wie wir mit uns selbst umgehen. 

Generell würde ich sagen, sollte man mit sich umgehen wie mit einer besten Freundin/einem besten Freund. Sich selbst und die eigene Einzigartigkeit wertschätzen, sich regelmäßig Gutes tun, persönliche Grenzen zu ziehen, sich verzeihen können, sich mit Mitgefühl begegnen und seiner Intuition zu folgen, das sind alles wichtige Aspekte für die Gesundheit. In jedem und jeder von uns steckt bereits alles, was wir für ein erfülltes, gesundes und glückliches Leben benötigen. In unserer Gesellschaft und Erziehung wird uns aber leider nie wirklich vermittelt, wie wir uns selbst lieben und eine gesunde Beziehung zu uns selbst aufbauen können. Aber das Schöne ist, dass wir das lernen können, egal in welchem Alter und in welcher Lebenssituation wir uns befinden.

Auch was für Beziehungen wir mit Menschen führen ist total wichtig für unsere körperliche und seelische Gesundheit. Diesen Aspekt unterschätzen viele. Als soziale Wesen brauchen wir Unterstützung, Verständnis, Mitgefühl und Liebe von anderen. Es ist wichtig, sich solch ein Umfeld zu schaffen und sich von toxischen Beziehungen zu lösen. 

Wie kann man es erreichen, wenn es nicht mehr vorhanden ist?  

Es gibt sehr viele Methoden, ein liebevolles Verhältnis zu sich selbst und seinem Körper aufzubauen oder wiederzuerlangen. Für jeden funktioniert da etwas Anderes. Allgemein würde ich aber sagen, ist es am wichtigsten, sich erst einmal bewusst zu werden, was man denn für eine Einstellung zu sich und seinem Körper hat. Also wie sehe ich mich selbst und meinen Körper, wie verbunden fühle ich mich mit mir, wie liebevoll gehe ich mit mir um? 

Sich selbst so zu lieben, wie man ist, ist ein Prozess, der für jeden Mensch anders verläuft. Wenn wir uns aber bewusst über den jetzigen Zustand sind und die Bereitschaft haben, etwas an unserer inneren Einstellung und unserer Lebensweise zu ändern, dann wissen wir oft intuitiv, was zu tun ist. Meditation ist für mich ein wichtiger Aspekt, mit sich selbst in Kontakt zu treten. Bewegung in jeder Form hilft auch sehr, den Körper wieder anders wahrzunehmen und zu achten. Achtsam zu sein, reflektieren und bewusst zu leben sind für mich weitere wichtige Grundlagen. Denn wenn man in sich hineinhört, dann weiß man automatisch, was gut tut und was nicht. 

Sich selbst kennen zu lernen und seine Innenwelt auszudrücken sind erste Schritte, um ein gesundes Verhältnis zu sich selbst aufzubauen. Das kann Yoga sein, Sport, Tanzen, Journaling und Schreiben, Singen, Musik machen, Malen…Das ist etwas sehr Persönliches und Individuelles. Ich denke, ausprobieren, was für einen funktioniert, ist das Wichtigste. Ich bin großer Fan intuitiv zu leben. Das bedeutet, auf seine innere Stimme zu hören und das zu tun, was sich richtig anfühlt. Dadurch kommt man automatisch zu mehr Selbstliebe. Ich habe neulich etwas Tolles gelesen, wenn man gar nicht weiß, wie und wo man anfangen soll. Frag dich einfach bei allem, was du tust oder denkst: Was würde ein Mensch tun, der sich selbst liebt? Und dann einfach danach entscheiden und leben. Irgendwann entwickelt man dann ein eigenes System, das einem dabei hilft, ein gesundes Verhältnis zu sich aufzubauen und zu wahren.

Ich finde es auch wichtig, Unterstützung zu holen, wenn man nicht weiß, wie man anfangen soll. Das können Gespräche mit Freunden oder der Familie sein, Bücher, Workshops oder Kurse zu den Themen, oder auch ganzheitliche Therapien und Heilmethoden. Wenn wir den Bezug zu uns selbst verloren haben oder nicht wissen, wie wir glücklicher werden können, dann ist es super wichtig zu wissen, dass wir das nicht alleine machen müssen.

Was bedeutet dann Nacktheit für dich? 

Nacktheit bedeutet für mich, sich wohl zu fühlen mit sich selbst und seinem Körper, und zwar egal, ob dieser künstlich kreierten Schönheitsidealen entspricht oder nicht. Nacktheit ist für mich daher eine Art Rebellion gegen gesellschaftliche Ideale und Normen, die für mich in vielerlei Hinsicht überholt und toxisch sind.

Nackt sein fühlt sich für mich persönlich sehr befreiend und pur an. Aber man fühlt sich natürlich auch verletzlicher, denn es ist etwas sehr Intimes. Ich fühle mich dann mit meinem Körper und mir selbst sehr verbunden. Und viele Dinge machen nackt einfach mehr Spaß, z. B. schwimmen, manchmal auch tanzen. Oder Sex. 

In der Natur nackt zu sein lässt mich noch mehr die Verbindung zur Natur spüren. Du spürst viel mehr, z. B. den Wind auf deiner Haut, die Wärme der Sonne, die Wellen des Wassers. Es verbindet mich also auch mehr mit mir selbst und der Natur.

In unserer Gesellschaft ist damit noch viel Scham und Kritik verbunden. Woher kommt das und warum ist es dir so wichtig offen dazu zu stehen? 

Nacktheit wird in unserer Gesellschaft fast ausschließlich mit Pornographie oder Sexualität in Verbindung gebracht. Schon früh werden wir mit nackten oder halbnackten Frauen konfrontiert, aber meistens in einem Kontext, in dem die Frau als Objekt der Begierde präsentiert wird. Wir leben im 21. Jahrhundert und haben noch immer so viel Scham, wenn es um Nacktheit geht. Filme dürfen oft roheste Gewalt zeigen, aber keine nackte Haut. Das ist für mich absurd. Weibliche Brüste werden ebenfalls fast ausschließlich als sexuelles Körperteil bewertet. Dabei ist ihre Hauptfunktion, Babys Milch zu geben. Ich finde, man sollte dabei ansetzen, den nackten Körper, vor allem den von Frauen, zu desexualisieren. Natürlich dürfen Brüste und Nacktheit weiterhin in Verbindung mit Sexualität gebracht werden. Aber man kann lernen, kontextbezogen und angemessen zu reagieren. Und vor allem respektvoll. 

In anderen Kulturen funktioniert es auch, dass Menschen nackt oder halbnackt sind, ohne dass alle gleich aus dem Häuschen sind und nur an Sex denken. Wie wir den nackten Körper betrachten ist also komplett kulturell bedingt und anerzogen. Und genauso wie man diese Mentalität erlernt, kann man sie eben auch bewusst ändern und ablegen.

Ich persönlich finde, das ist noch ein wichtiger Bereich im Zuge der Gleichberechtigung und Befreiung der Frau, in dem wir fortschrittlicher sein könnten. 

Indem wir nackte oder halbnackte Menschen eigentlich nur aus der Werbung und Pornos kennen, trägt das auch stark zu ungesunden und unrealistischen Schönheitsidealen bei, die wir heutzutage haben. Wir sehen Nacktheit oft in Perfektion, retouchiert und in Szene gesetzt. Dabei sehen die wenigsten Menschen nackt aus wie Models oder Pornstars. 

Genau deshalb finde ich es wichtig, offener mit Nacktheit umzugehen. Für mich ist das eine Rebellion gegen die Objektifizierung von Menschen, vor allem der Frau, und gegen absurde Schönheitsideale. 

Sollen wir also öfters nackt sein?

Definitiv, ich bin dafür, dass wir alle immer und überall nackt sein sollten. Das löst auch gleichzeitig so viele Probleme in der heutigen Welt wie unseren übermäßigen Konsum, Fast Fashion und die unfairen Herstellungsbedingungen unserer Kleidung, wenn es einfach gar keine Kleidung mehr gibt. Aber mal Spaß beiseite. Natürlich hat es seinen Sinn, dass wir nur in speziellen Situationen und vor wenigen Menschen nackt sind. Und ich möchte auch gar nicht, dass wir nun alle überall nackt sind. Ich finde, man sollte Nacktheit eben nicht nur im sexuellen, objektifizierten und pornographischen Kontext sehen und so schambehaftet damit umgehen, denn eigentlich ist es das Natürlichste der Welt: wir alle werden nackt geboren. Die Scham, nackt zu sein, kommt erst viel später.

Und ich würde mir wünschen, dass sich mehr Menschen in ihrem Körper wohlfühlen und sich auch nackt wohlfühlen. Vor allem aber wünsche ich mir, dass wir auf seelischer, emotionaler und mentaler Ebene öfters nackt voreinander sein können. Dass wir weniger von uns verstecken, uns anderen öffnen können, uns sicher fühlen, wenn wir uns verletzlich und in unserer Gesamtheit zeigen – mit allem, was wir sind. Die Hüllen voreinander fallen lassen. Diese metaphorische Nacktheit, die finde ich sollte es öfters geben, ja. 

Vielen Dank liebe Silja für das tolle Interview!
Wie hat es Euch gefallen? Schreibt es uns gerne in die Kommentare.

Read the article in English.

Interviewgast:
Silja lebt in Berlin und ist Kundalini Yoga und Meditationslehrerin. Ihre derzeitigen Interessensgebiete liegen in der Heilung und Atmung. Mehr Infos zu ihr und ihren Workshops findest du auf ihrem Instagram.

Text: 
Masha ist die Gründerin von Literaa Poetry und die bessere Hälfte von Pedro. 
Sie schreibt gerne Kolumnen und Lifestyle-Themen und kümmert sich um die Redaktion.
Lies hier mehr über Masha hier.

This image has an empty alt attribute; its file name is hey-you-mailbox-needs-you-2.png

Processing…
Success! You're on the list.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.