Fiction: Blüte der Zeit – Kapitel V

Ich hatte das Gefühl, dass das Boot die Segel gesetzt hatte und es mich zurückgelassen hatte. Ich musste vom Pier ins Wasser springen und so schnell wie möglich schwimmen, um es zu finden. Es gab kein Zurück, entweder würde ich ertrinken noch würde ich sie erreichen. Der nächste Morgen sollte wie in den letzten dreihundert Jahren mein täglicher Morgen sein. Aufwachen, unglücklich über das Leben sein, aufstehen, noch mehr unglücklich über das Leben sein, ein wenig vom Toast und Saft, am Ende sind es doch wieder nur ein paar Bissen und die restlichen fünf Minuten der Frühstückszeit verbringe ich damit, an meine schlechten Lebensentscheidungen denken.

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Fiction: Goldene Steppen Kapitel 1

ICH WAR NIE BESONDERS GUT IN ABSCHIEDEN

Ich spürte immer einen bitteren Nachgeschmack, wenn ich Jemanden sah, von dem ich gerne ging. Nicht etwa, weil ich sie vermissen würde, sondern weil ich von Zeit zu Zeit auf Trauer stieß. Es war, weil ich nie ausdrücken konnte, wie sehr ich mich für sie interessierte. Es war immer schwer für mich als Kind Emotionen zu zeigen. Ich fühlte mich immer nackt und verletzlich, wenn ich es tat. So sehr ich anders sein wollte, niemanden zu enttäuschen, sie nicht glauben lassen, dass ich eine Art Soziopath bin.

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Fiction: Entzug

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Trüb meine Tage, nebelig mein Verstand. Verdunstet mein Ich. Verschmolzen zu Dir.  Wir zwei – eins gemeinsam: Unsere Leere.
Ich kannte keinen Atem, denn es war deiner.
Keine Bewegung, denn du liefst.
Jedes deiner Worte durchdrungen in meinen Körper. Jede Betäubung verwachsen in meine Haut.

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Fiction: Der Zauberer – Teil I

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Juli Morgen. Noch hat die Sonne nicht angefangen auf den Bürgersteig zu brennen, die erste Brise ist aber schon recht warm. Die ersten Cafés öffnen und ich rieche an dem frisch gebackenem Brot. Der Himmel ist noch orange. Ich nehme meine Sonnenbrille ab, um in die Sonne zu schauen. “Solch eine Magie” – denke ich. Continue reading “Fiction: Der Zauberer – Teil I”

Ferner, denn je

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Und eines Tages werden wir uns wiedersehen.
Es werden etliche Jahre vergehen und wir werden gealtert sein.

Ich werde dein faltiges Gesicht ansehen und mich fragen, ob deine Narben schon geheilt sind. Meine sind es bis dahin. Lange wollten sie nicht zuheilen.
Weil ich sie nicht zuheilen ließ.

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Fiction: Die im See Verlorenen

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Das Wasser ist jetzt still. Der Sturm von gestern Abend hat Hunderte von verlorenen Seelen kilometerweit herumfliegen lassen. Einige schauen in die Sonne, als ob sie ihn verzweifelt bitten würden, Leben in ihre kalten, blassen Körper zurückzubringen. Hundert Schiffe segeln dazwischen. Sie verachten jeden einzelnen Ertrunkenen und fürchten das Lied der Meerjungfrau. Wir könnten es sein, denken sie. Continue reading “Fiction: Die im See Verlorenen”

Fiction: Vom Märchen der Angst

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Sie kann nicht atmen. Versucht nach Luft zu schnappen. Ein Seil schnürt sich um ihre Kehle. Sie versucht sich loszulösen. Mit jedem Atemzug fühlt sie die Enge. Der Puls bleibt stehen, wenn er sie berührt. Millionen von Insekten, die krabbeln, kriechen und sich in auf ihrem Körper verbreiten. Wenn er langsam über ihre Schulter streicht, zuckt jedes ihrer Glieder zusammen.
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Fiction: Die schwarze Witwe

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Dicht an sich gehalten, bis zur Lähmung, bis sich keiner mehr regen konnte

Sie wusste sie an der Hand zu haben. Wusste die Zügel zu halten, den richtigen Schachzug auszuspielen. Das konnte sie schon immer. Sie hatte das Spinnennetz immer weiter gesponnen, hatte ihre Beute stets eng und dicht an sich gehalten, bis zur Lähmung, bis sich keiner mehr regen konnte.

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