Thinkpiece: Vom Märchen der Angst

ie kann nicht atmen. Versucht nach Luft zu schnappen. Ein Seil schnürt sich um ihre Kehle. Sie versucht sich loszulösen. Mit jedem Atemzug fühlt sie die Enge. Der Puls bleibt stehen, wenn er sie berührt. Millionen von Insekten, die krabbeln, kriechen und sich in auf ihrem Körper verbreiten. Wenn er langsam über ihre Schulter streicht, zuckt jedes ihrer Glieder zusammen.

Continue reading “Thinkpiece: Vom Märchen der Angst”

Fiction: Goldene Steppen Kapitel 1

ICH WAR NIE BESONDERS GUT IN ABSCHIEDEN

Ich spürte immer einen bitteren Nachgeschmack, wenn ich Jemanden sah, von dem ich gerne ging. Nicht etwa, weil ich sie vermissen würde, sondern weil ich von Zeit zu Zeit auf Trauer stieß. Es war, weil ich nie ausdrücken konnte, wie sehr ich mich für sie interessierte. Es war immer schwer für mich als Kind Emotionen zu zeigen. Ich fühlte mich immer nackt und verletzlich, wenn ich es tat. So sehr ich anders sein wollte, niemanden zu enttäuschen, sie nicht glauben lassen, dass ich eine Art Soziopath bin.

Continue reading “Fiction: Goldene Steppen Kapitel 1”

Thoughts: Verschütteter Wein

rowan-heuvel-20502-unsplash

Wie viele meiner Gedanken sind nur verschütteter Wein? Versprechungen für eine leere Zukunft, die nur zu Flecken wurden. Sie werden immer da sein, um mich daran zu erinnern, wer ich war und welches Leben ich damals angestrebt habe. Sie kommen aus einer Zeit, in der ich immer daran dachte, wie viel ich bereits erreicht hatte. Mein junger Verstand konnte nicht zusammenbrechen, das Glück war immer durch das Versprechen der Zeit präsent. Ich sah die kommenden Tage wie Sternbilder hoch oben am Nachthimmel.
Continue reading “Thoughts: Verschütteter Wein”

Thoughts: Ich bin naiv und das ist gut so

luka-davitadze-598540-unsplash

“Bei dem Wort Liebe fangen meine Augen an zu glühen.”

Ich bin naiv. Sogar sehr. Früher ist das nicht so aufgefallen, da konnte ich das noch auf mein Alter schieben. Da war es noch gerechtfertigt. Kindlicher Leichtsinn halt. „Ja gut, sie ist ja noch 17, sie lernt das schon noch“, haben sie damals gesagt. Mittlerweile bin ich 27 und es ist kein Stück besser geworden. Dieses Kopfschütteln. Immer dasselbe. Und dazu noch dieses leicht angedeutete Lächeln und dieses: „Süß.“ Continue reading “Thoughts: Ich bin naiv und das ist gut so”

Ferner, denn je

oliver-pacas-191069-unsplash

Und eines Tages werden wir uns wiedersehen.
Es werden etliche Jahre vergehen und wir werden gealtert sein.

Ich werde dein faltiges Gesicht ansehen und mich fragen, ob deine Narben schon geheilt sind. Meine sind es bis dahin. Lange wollten sie nicht zuheilen.
Weil ich sie nicht zuheilen ließ.

Continue reading “Ferner, denn je”

Affenzirkus

becky-phan-23122-unsplash.jpg

Ich reise mit leichtem Gepäck. Alles, was ich tragen will, ist mein eigenes Gewicht. All das, was ich mitbringen konnte, würde meinen Rücken krümmen und mich daran hindern, geradeaus zu schauen. Ein weiterer Grund ist die Zeit. Ich bin zu aufgeregt, um meine Transformation zu beginnen, um mir Sorgen um alltägliche Dinge zu machen, z.B. welche Kleidung ich tragen soll oder ob ich eine bestimmte Art von Essen zu essen habe. Lass mich einfach laufen. Ich will jetzt dorthin. Diese Stadt ist ein Spielplatz und ich fühle mich wie das neue Kind in der Schule.

Continue reading “Affenzirkus”

Fiction: Die im See Verlorenen

matt-power-474202-unsplash

Das Wasser ist jetzt still. Der Sturm von gestern Abend hat Hunderte von verlorenen Seelen kilometerweit herumfliegen lassen. Einige schauen in die Sonne, als ob sie ihn verzweifelt bitten würden, Leben in ihre kalten, blassen Körper zurückzubringen. Hundert Schiffe segeln dazwischen. Sie verachten jeden einzelnen Ertrunkenen und fürchten das Lied der Meerjungfrau. Wir könnten es sein, denken sie. Continue reading “Fiction: Die im See Verlorenen”

Fiction: Oscars Tag Teil II

jon-eric-marababol-132979-unsplash.jpg

Mit jedem Besuch alterte sie immer mehr, mit jenem Mal verließ sie auch die Schönheit. Ihre Augen waren rot angelaufen und glänzend, wenn sie ihm Gegenüber saß. Er wusste, dass es seinetwegen war und auch das es nicht das Einzige Mal war wo er sie zum weinen gebracht hat. Als er sie damals heiratete liebte er sie, zumindest verspürte er eine Zuneigung ihr gegenüber. Sie war hübsch und warmherzig. Continue reading “Fiction: Oscars Tag Teil II”

Thoughts: In the middle of nowhere – Warum sind wir so lost?

cristina-gottardi-409784-unsplash

„Ich weiß noch nicht, was ich machen möchte.“ Das ist einer der häufigsten Sätze, die ich in Berlin höre, wenn es um Partnerschaften, den Beruf oder ums Leben geht. „Vielleicht ist es besser, wenn wir gucken, wohin es läuft, was sich ergibt. Schauen wir mal.“ Das klingt plausibel: Dinge geschehen und auf sich zukommen zu lassen. So leicht und einfach. Aber wer trifft denn dann eine Entscheidung?

Fiction: Oscars Tag Teil I

cherry-laithang-312590-unsplash

Kurzes Vorwort: Ich liebe Oscar Wilde. Und eine zeit lang habe seine gesamte Biografie gelesen, seine Bücher gelesen und ihn als Person schon fast verschlungen. Das ist eine kleine Geschichte zu ihm, aus meiner Perspektive. Ein Monolog aus der Zeit im Gefängnis. Continue reading “Fiction: Oscars Tag Teil I”